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  Umwelt
 
Weltkulturerbe Streuobst? - 20.4.2018
Der prägende Landschaftstyp braucht ständige Pflege

  (th) Am ersten Freitag in diesem Frühling hatten Peter Scharfenberger und Klaus Rosenkranz vom Freundeskreis Weltkulturerbe Streuobst das „Nürtinger Streuobstmemorandum 2018 – ein Plädoyer für ein gemeinsames, grenzübergreifendes UNESCO-Weltkulturerbe Streuobstlandschaften Baden-Württembergs und Europas“ im Stuttgarter Ministerium für den Ländlichen Raum der stellvertretenden Abteilungsleiterin Dr. Fleischer übergeben. Am folgenden Samstag hatte der Freundeskreis zu einer feierlichen Präsentation dieses Werkes in die stimmungsvoll mit Frühlingszweigen geschmückte Kreuzkirche eingeladen.

Der Stuttgarter Komponist und Gitarrist Michael Nessmann eröffnete den Abend mit dem passenden Stück „The Birds and the Bees“. Der Moderator Eckhard Rahlenbeck stellte zunächst den Initiator des Freundeskreises und des Memorandums, Peter Scharfenberger vor, den er aus der evangelischen Erwachsenenbildung kennt. Peter Scharfenberger habe ihn in vielen Gesprächen mit seinen Erläuterungen zur Bedeutung und der Situation des Streuobstes begeistert. Allgemein werde die Streuobstlandschaft aber in unserer Zeit der Digitalisierung und Zertifizierung nicht mehr so wert geschätzt. Dabei wurde diese Landschaft schon von vielen Dichtern und Denkern ausgezeichnet, wie er mit verschiedenen Zitaten belegte. Anschließend bekannte Peter Scharfenberger, dass er gottfroh sei, dass mit dem Memorandum dreieinhalb Jahre Arbeit zu Ende gebracht wurden. Damit solle gezeigt werden, dass sich in den Streuobstlandschaften, wie sie in Baden-Württemberg und anderen Ländern Mitteleuropas existierten, der traditionelle Obstbau, wie er über Jahrhunderte in diesen Gebieten betrieben wurde, erhalten hat. Diese Landschaft, in deren Bewirtschaftung viel Arbeit stecke, sei sowohl historisch als auch kulturell und ökologisch etwas besonderes, das (ebenso wie die Subak-Reisterrassen auf Bali) als Weltkulturerbe anerkannt werden sollte.

Nach einer Improvisation von Michael Nessmann über „Norwegian Wood“ lud Eckhard Rahlenbeck Autoren des Memorandums sowie den mit einer Delegation um den Bürgermeister Matthias Schwarz aus Burgbernheim in Franken angereisten Stadtgärtner Ernst Grefig zu einer Gesprächsrunde auf das Podium. Als erstes fragte der Modator, ob die uns umgebende Streuobstlandschaft denn so gefährdet sei, dass sie besonders bewahrt werden müsse. Darauf konstatierte Professor Klaus Schmieder vom Hohenheimer Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie, dass wenn man die Entwicklung von der Streuobstzählung 1965 mit 18 Millionen Bäumen über die Streuobstzählung 2008 mit 9 Millionen Bäumen linear fortschreibe, davon auszugehen sei, dass es im Jahr 2050 keine Streuobstlandschaften mehr geben werde! Die Stadt Burgbernheim stemmt sich gegen diese Entwicklung. Da die Flächen der Gemarkung nicht für andere landwirtschaftliche Nutzungen interessant sind, wurden von der EWG (Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft) in den späten 50er bis frühen 70er Jahren keine Rodungsprämien für die hochstämmigen Obstbäume angeboten und die Stadt verfügt immer noch über einen Bestand von 30.000 Bäumen. Das Interesse an deren Produkten und damit an der Pflege der Obstbäume ging allerdings in den 70er Jahren zurück. Die Stadt fördert den Erhalt der Streuobstwiesen, indem städtische Obstbäume Interessierten Bürgerinnen und Bürgern zur kostenlosen Nutzung überlassen werden mit der Auflage, dass sie auch gepflegt werden. Außerdem wurde zur Verarbeitung des Obstes und zur Vermarktung der Produkte die Genossenschaft „Streuobst Mittelfranken-West“ in Burgbernheim gegründet, die zahlreiche Streuobstsäfte und -schorlen unter dem Markennamen „EinHeimischer“ anbietet. Den ökologischen Wert umriss Waltraud Kugler von der SAVE Foundation zur "Sicherung der landwirtschaftlichen Artenvielfalt in Europa" aus St.Gallen (Schweiz) mit den Hinweisen, dass in den Streuobstwiesen tausende verschiedene lokale und historische Obstsorten existierten und dass dort weniger gespritzt werde, wodurch sie auch einen höheren Wert für Insekten, Vögel etc. hätten, als die sonstigen landwirtschaftlichen Flächen. Professor Klaus Schmieder betonte, dass die Streuobstwiesen insbesondere durch den Blütenreichtum der Wiesen und die Höhlen in den Obstbäumen zu unseren artenreichsten Lebensräumen gehören.

Der Weg zu einer Anerkennung der Streuobstlandschaften als Weltkulturerbe wird in dem Memorandum beschrieben: Demnach müsste sich nach der Übergabe des Memorandums die Abteilung Landwirtschaft des Ministeriums für den Ländlichen Raum mit dem Vorschlag auseinandersetzen und bei einer Befürwortung einen formalen, wissenschaftlich fundierten Antrag für die deutsche Tentativliste (Vorschlagsliste für zukünftige Nominierungen zur Aufnahme in die UNESCO-Liste als Weltkulturerbe) ausarbeiten. Dieser Antrag wird an die Kultusministerkonferenz der Länder weitergereicht und von einem Gremium (z.B. ICOMOS, dem Internationalen Rat für Denkmalpflege) geprüft und bewertet. Die deutsche Tentativliste wird frühestens im Jahr 2020 wieder zusammengestellt. Der Antrag wird dann über das Bundesaußenministerium und die UNESCO-Kommission Deutschland an die UNESCO/Welterbe-Komitee in Paris überstellt, die die Streuobstlandschaften hoffentlich in die Liste der Welterbestätten aufnimmt. Peter Scharfenbergers Traum wäre es, dass die Urkunde der UNESCO im Jahr 2030 übergeben würde.

Kommentar

Der Gedanke, dass die Streuobstlandschaften Weltkulturerbe sein könnten, ist so nahe liegend, wie unerprobt und elektrisierend. Mit der Übergabe des Memorandums an die Landesregierung hat der Nürtinger Freundeskreis Weltkulturerbe Streuobst den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. Es braucht vermutlich noch ein bisschen Wind unter den Flügeln, um von den richtigen Stellen aufgegriffen zu werden. Diesen Wind könnte eine Anfrage im Landtag bieten oder auch ein konkurrierende Initiative aus dem bayrischen Nachbarland. Aber es ist nicht undenkbar, dass Peter Scharfenbergers Traum wahr wird. Es ist aber auch möglich, dass die Vision von Klaus Schmieder Wirklichkeit wird und es noch zu unseren Lebzeiten keine Streuobstlandschaft in Baden-Württemberg mehr geben wird. Streuobstwiesen sind wie die Obstbäume kurzlebige Landschaften, die ständiger Pflege bedürfen. Ein wichtiger Aspekt der Streuobstkultur ist ihre breite Verankerung in der Bevölkerung. Deshalb kann jede und jeder einzelne etwas dafür tun, dass auch in Zukunft Baden-Württemberg ein Streuobstland ist: pflegen Sie ihre Obstwiesen, helfen Sie ihrem Nachbarn, ersetzen Sie abgestorbene Bäume durch hochstämmige Nachpflanzungen, kaufen Sie Apfelsaft aus lokalen Vermarktungsprojekten, engagieren Sie sich in Initiativen zum Erhalt der Streuobstwiesen, fordern Sie die Politiker und Politikerinnen dazu auf, den Erhalt von Streuobstwiesen zu fördern, lassen sie ihre Begeisterung in Aktionen münden!

Das Nürtinger Streuobstmemorandum gibt es zum Heruntergeladen z.B. von der SAVE-Foundation.


 


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