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  Zukunftsfähiges NT
 
Reformation einst – und heute? - 30.3.2017
Im zwanzigsten Café denk.art drehte sich am Sonntag alles um Luther und die Folgen

 

(forumNT) Luther und die Reformation sind zurzeit allgegenwärtig – so war es auch beim Café denk.art am vergangenen Sonntag in der Alten Seegrasspinnerei, als es mit den 55 Besuchern um das Thema „Reformation einst – und heute?“ ging. Mit Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde hatte das nn-Institut und das Forum zukunftsfähiges Nürtingen hierzu unter anderem den Tübinger Schauspieler Robert Arnold eingeladen.

Dieser trug Passagen aus Luthers theologischem  Hauptwerk „Von der Freyheyt eyniß Christenmenschen“ eindrucksvoll vor – zunächst in frühneuhochdeutscher Sprache. Hinter seinem Pult war eine Art Altar aufgebaut mit Luther-Bildnis und Tacker - statt des Legenden umwobenen  Hammers.

Auf amüsante Weise führte auch Erich Weinreuter, der Hauptreferent dieser Matinee, in das Thema ein: Er erzählte nicht nur von Luther-Socken und anderem Schnickschnack, der gerade zum Reformations-Jubiläum angeboten wird, sondern zeigte auch eine original Luther-Playmobilfigur.

Doch dann ging es auch schon philosophisch zur Sache: Weinreuter verortete Luther zunächst geistesgeschichtlich und führte aus, dass es der Reformator, der sich nie selbst als ein solcher bezeichnet hat, es nicht mit der scholastischen Vernunft gehalten habe. Luther sei vielmehr an Paulus, Augustinus und nicht zuletzt an dem Mystiker Bernhard von Clairvaux orientiert gewesen. Luther dürfe man deshalb weniger als Gelehrten sehen als vielmehr als einen mystisch geprägten Mönch, der seine Erkenntnisse aus seinem gelebten Herzensglaube geschöpft habe.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist es Weinreuter zufolge, wenn man Luther als Wegbereiter der Moderne sieht. Für diesen sei vielmehr die verdienstlose göttlich Gnade und der Glaube des Menschen an Christus schlichtweg zentral gewesen. Deshalb sei es Luther auch nicht um die persönliche Gewissensfreiheit sowie überhaupt nicht um die Freiheit und Autonomie des Individuums als solchem gegangen. Vielmehr stehe der einzelne Mensch nach Luther nicht in sich selbst, sondern vielmehr in Gott: „Luther stellt das Gewissen zwar über die Mächtigen, also im Besonderen über die Papstkirche, aber eben nicht sein selbstbestimmtes Gewissen – sondern sein Gewissen in Gott“, so Weinreuter.

Die weitere Geschichte habe Luther übel mitgespielt, wenn die Reformation später von humanistischen Gedanken angereichert worden sei – Luther hätte wohl gesagt: verunstaltet. Denn den berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam, der zumindest die bedingte Freiheit des menschlichen Willens verfochten hat, hat Luther – allerdings nur verbal – bis aufs Messer bekämpft.

In der Diskussion zu diesem um das Historische kreisenden Teil wurde Luther zugutegehalten, dass er die Autorität der Papstkirche untergraben habe, was, so Weinreuter, eine „enorme Emanzipation des Einzelnen“ bedeutet habe. Er hätte aber kein Interesse an der politischen Transformation der Gesellschaft gehabt, wie überhaupt ein politischer Freiheitsbegriff bei Luther gänzlich fehle. Kontrovers diskutiert wurde auch, inwiefern Luther dem späteren Nationalismus Vorschub geleistet habe.

Im zweiten Teil der Matinee führte Thomas Oser zunächst aus, dass das vermeintlich Nicht-Moderne bei Luther, gerade ein Gewinn für unsere moderne Zeit sein könne. Denn Luther stelle die Selbstzentrierung des Einzelnen infrage und öffne so den Raum für dialogische Begegnungen.

Deutlicher wurde dies, als Oser zentrale Begriffe von Luthers Lehre in unsere heutige Erfahrungswelt übersetzte – beispielsweise den Begriff einer verdienstlosen Gnade.  Auch wenn heutzutage die theologischen Implikationen desselben nur noch einer Minderheit einsichtig seien, so lebe das Phänomen in der zwischenmenschlichen Sphäre fort: Unsere große Sehnsucht sei es nämlich von einem anderen geliebt zu werden und zwar nicht aufgrund irgendwelcher Verdienste oder Leistungen, sondern um „unserer selbst willen“ oder eben bedingungslos. Nicht weniger interessant war, als Oser den religiösen Begriff der Gnade mit dem säkularen der Menschenwürde in Beziehung setzte. 

Am Ende stand die Frage im Raum, wie sich Luther  zu unserer heutigen kapitalistischen Leistungsgesellschaft verhalten hätte. Offensichtlich sei es, so Oser, dass der Reformator jedenfalls nichts davon gehalten hätte, sich krampfhaft zu irgendwelchen Höchstleistungen zu zwingen. Er ging vielmehr davon aus, dass sich unsere guten Werke wie von selbst und mit Freude ergeben würden – vorausgesetzt allerdings, dass wir zuvor durch Glaubenserfahrungen mit Kraft und Liebe im Überfluss beschenkt worden seien. 

Dass Luthers Erfolg nicht zuletzt mit Gutenbergs Buchdruck verbunden war, wurde  für die denk.art-Besucher schließlich auch ganz sichtbar deutlich, als Albrecht Braun, Turmbibliothekar der Nürtinger Stadtkirche St. Laurentius, historische Luther-Ausgaben aus Nürtinger Beständen zeigte.

Das nächste Café denk.art findet am 23. April im Rahmen der Nürtinger Energietage um 11 Uhr wiederum in der Alten Seegrasspinnerei statt. Dann lautet das Thema: „Resonanz – oder: Is there anybody out there?“. Es wird unter anderem nach Erklärungen gesucht, warum uns der Klimawandel letztlich verhältnismäßig kalt lässt. 



 


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