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  Geschichte
 
Genowefa Beck – als polnische Zwangsarbeiterin in Deutschland - 26.4.2018
Denk Ort (18): Ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet

  Am DENK ORT an der Nürtinger Kreuzkirche erinnert die Gedenkinitiative zusammen mit der Stadt nacheinander im Wechsel an einzelne Opfer und Leidtragende des Nationalsozialismus in Nürtingen. Derzeit präsentiert man dort einige Sätze zu Genowefa Beck.

Über das Leben von Genowefa Beck wissen wir recht gut Bescheid aus einem 2007 entstandenen Artikel der damaligen Hööderlin-Gymnasium Schülerin Larissa Vinçon, den diese nach vielstündigen Gesprächen mit Frau Beck im Vöhringer-Heim geschrieben und jetzt der Gedenkinitiative zur Verfügung gestellt hat. Aus diesem werden hier die wesentlichen Ausschnitte zitiert.

„Geboren ist Frau Beck als Genowefa Krankowska am 10. September 1922 in Janovice in Polen – als Jüngste von elf Kindern. Sie wuchs auf einem Bauernhof auf und musste schon früh mit ihren älteren Geschwistern auf dem Feld die Tiere hüten. Mit acht Jahren kam sie in die Volksschule, die sechs Jahre dauerte. Danach ging sie – was üblich war – mit knapp 15 Jahren als Kindermädchen in Stellung und hatte für vier kleine Kinder zu sorgen.

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. […] Anfang des Jahres 1940 ging Genowefa eine Straße entlang, als deutsche Soldaten sie packten und wie ein Stück Vieh auf einen Pkw warfen. […] Sie wurden in ein Lager nach Krakau geschleppt. […]

Am 10. März 1940 wurde ein Transport nach Deutschland zusammengestellt. Nach sechs Tagen Fahrt, bei der es nur Kohlsuppe zu essen gab, wurde Frau Beck im Kreis Crailsheim einem Bauern als eine Art Magd zugeteilt. Frau Becks deutscher Wortschatz umfasste zu diesem Zeitpunkt zwei Worte: „Brot“ und „Zucker“. […]

Während dieser Zeit wurden 1943 in Polen ihre Eltern verhaftet. Ihr „Vergehen“: Ihr Vater hatte – mangels einer anderen Einnahmequelle – jährlich drei Fohlen an Juden verkauft. Die Eltern wurden nach Auschwitz gebracht und kurz darauf ermordet. Zur gleichen Zeit starb auch einer ihrer Brüder in einem Gefangenenlager in Hamburg. […]

1944 passierte es, dass auf dem Markt in Brettheim ihr ‚P‘-Abzeichen (für Polen) an ihrer Kleidung verrutscht war. Der Ortsgruppenleiter der Nazi-Partei gab ihr eine so heftige Ohrfeige, dass sie auf einem Ohr ein halbes Jahr nichts mehr hörte.[…]

Anfang Mai 1945 waren dann die ersten Bomben zu hören und sie meinte, sie hätte von diesem Augenblick an gewusst, dass das Ende nah sei. Nach dem Kriegsende am 8. Mai blieb sie noch acht Tage beim Bauern, bis dieser enteignet wurde. Die Kriegsgefangenen wurden mit dem Roten Kreuz nach Hause zurückgebracht. Frau Beck hatte, wie alle anderen Zwangsarbeiter, die Wahl, entweder auszuwandern oder zunächst in verlassenen Kasernen untergebracht zu werden. Frau Beck entschied sich für eine Kaserne, wo die Gefangenen zunächst von der Restverpflegung der Wehrmacht ernährt wurden. Dadurch, dass diese Lager hoffnungslos überfüllt waren, schickte man Frau Beck von einem ins nächste. Insgesamt war sie in 19 Lagern.“

In einem dieser Lager lernte Frau Beck einen polnischen Mit-Insassen kennen, heiratete ihn und bekam zwei Kinder. Der Mann verließ sie während der zweiten Schwangerschaft. Ein Versuch, nach den USA auszuwandern, scheiterte kurz vor der geplanten Einschiffung in Bremen wegen einer Erkrankung.
„Mit dem Handgepäck und ihren Kindern ging sie erst wieder nach Ludwigsburg zurück und zog dann in Nürtingen in die Baracken im Nürtinger Mühlwiesenlager, etwa da, wo heute die Realschulen stehen. Dort hatten sie einen Raum zum Leben. Später wurde ihnen noch ein zweiter zugeteilt. Frau Beck begann im Rathaus zu putzen, dann auch in Privathäusern und später arbeitete sie bei einem Gärtner. Nach langem Sparen war sie in der Lage, einen Propangas-Herd zu kaufen, so dass sie nicht mehr Holz sammeln musste.

Als ihr Großer eingeschult wurde und nur polnisch sprach, riet der Rektor Frau Beck, sie solle doch am besten dorthin gehen, wo sie herkomme. Dass sie das nicht so gut aufgefasst hat, ist verständlich. Sie meinte daraufhin, dass man sie jetzt wegschicke, aber zuvor sei sie gut genug gewesen, um für Deutschland zu arbeiten. […]

Erst 1959 wurde ihnen eine Wohnung in der Braike zugeteilt. Ein Jahr später heiratete sie zum zweiten Mal. Nur weil ihr Mann, Herr Beck, Deutscher war, bekam sie die deutsche Staatsbürgerschaft – dabei hatte sie zu dieser Zeit schon 20 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet.
Nachdem sie wegen ihres Rheumas bei Metabo nicht weiter Metallteile putzen konnte, wechselte sie in eine der vielen Strickereien, die es damals in Nürtingen noch gab. Dort bügelte sie in Akkordarbeit: ‚Im Sommer stand mir das Wasser in den Schuhen.‘“

Die folgenden Jahre waren von Krankheiten der beiden Eheleute überschattet. Ein einziges Mal unternahm Frau Beck eine Reise in ihre Heimat Polen und traf dort auf eine sehr dezimierte Familie.

„Der Übergang in die Rente bedeutete eine große Umstellung, denn sie und ihr Ehemann mussten erst einmal lernen, längere Zeit miteinander auszukommen. Außerdem war er pflegebedürftig, da er von seiner Gefangenschaft in Afrika Malaria hatte, die manchmal zum Ausbruch kam. Dazu stellte man nach einem Tumor bei ihm Knochenkrebs fest. Nachdem er sich bis 1985 fünfmal das Bein gebrochen hatte, wurde es ihm unterhalb des Knies abgenommen.“

Nach dem Tod ihres Ehemanns hatte Frau Beck noch ein gutes Leben in der Braike. Oft war sie mit ihrem Auto unterwegs. Eine gute Freundin wohnte in ihrer Nähe. Sie verbrachten viel Zeit miteinander. 2004 übersiedelte Frau Beck ins Dr.-Vöhringer-Heim, wo sie bis 2013 ihre letzten Lebensjahre verbrachte.

Für ihre Zwangsarbeit ist sie nie entschädigt worden.

Larissa Vinçon


 


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