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  Geschichte
 
Fünf Jahre Gedenkinitiative in Nürtingen - 12.9.2017
Erinnerung am DenkOrt an Werner Gross und Vortrag von Joachim Schlör in der Glashalle des Rathauses

 

(mw) Vor fünf Jahren haben sich in Nürtingen engagierte Frauen und Männer zu der „Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung" zusammengeschlossen. Diesem Jubiläum widmen sie in Kooperation mit der VHS eine Veranstaltung am 20. September, die um 19 Uhr am DenkOrt an der Kreuzkirche beginnt und danach um 19.30 Uhr in der Glashalle des Rathauses Nürtingen mit einem Vortrag von Joachim Schlör weitergeht.

Überlegungen zu einer Gedenkstätte

Die ehrenamtliche Nürtinger Gedenkinitiative trägt die vielfältigen Geschichten der Opfer des Nationalsozialismus in Nürtingen und seiner näheren Umgebung zusammen, erforscht sie und bringt sie an die Öffentlichkeit. Auf der Suche nach einer Erinnerungsstätte für die Opfer und Leidtragenden der nationalsozialistischen Zeit entschied sie sich nach langer Überlegung und vielen Diskussionen für den DenkOrt an der Kreuzkirche in seiner jetzigen Form. Gesucht hatte sie einen Ort „mitten im Leben“, nicht an einer abgeschiedenen Stelle wie einem Friedhof. Dazu entschied sie sich, je ein Opferschicksal exemplarisch darzustellen und alle Opfergruppen zu berücksichtigen. Aus Anlass des fünfjährigen Bestehens lud sie zu einem Pressegespräch ein. Helmuth Kuby, Jahrgang 1925, Mitglied der Initiative, der sieben Jahre alt war, als Hitler die Macht gegeben wurde, erzählt: „Ich weiß von der Verführbarkeit und der Schwierigkeit des Widerstandes. Ich halte die Menschen für entsetzlich verführbar. Das, was wir gemacht haben, haben wir bezeichnet als einen modernen Stolperstein. Wir wollen auch an diejenigen erinnern, die überlebt haben, denen Leid und Unrecht geschah. Unsere Art des Gedenkens ist auf die Größe unserer Stadt zugeschnitten.“ So erinnert die Gedenkinitiative in Zusammenarbeit mit der Stadt durch den DenkOrt im Wechsel an je ein lokales NS-Opfer. Der Nürtinger Werner Gross, der die meiste Zeit des „Dritten Reiches“ in „Haft“ verbrachte, ist das vierzehnte dort per Kurzportrait erinnerte Beispiel. Über das jeweilige Verfolgtenschicksal lässt die Gedenkinitiative  bei jedem Wechsel der Presse einen ausführlichen Artikel zukommen. „Wir schreiben auch über Menschen der näheren Umgebung und über solche, die ihren letzten selbst gewählten Wohnsitz nicht mehr in Nürtingen hatten. Zudem wollen wir nicht nur ihren Namen mit Geburts- und Sterbedatum zurückgeben, sondern dem interessierten Betrachter auch einen kleinen Einblick in ihr Leben ermöglichen“, so die Gedenkinitiative. Die ständige Umschrift der am DenkOrt präsentierten Plakate mit den Kurzbiographien weist auch auf die Verantwortung für das Heute und Morgen hin: „Sich an die Opfer und Verfolgten zu erinnern kann das eigene Denken und Handeln verändern“. Eine Funktion des DenkOrts ist ja, die Betrachter zum Denken anzuregen.

DenkOrt

Es gelang, die Verwaltung der Stadt, insbesondere das Kulturamt, und den Gemeinderat, diesen einstimmig, für die Bereitstellung und Unterstützung der Gedenkstelle zu gewinnen, so Stefan Kneser von der Gedenkinitiative. Der zentrale Platz, an dem der „DenkOrt“ vor zwei Jahren eingerichtet wurde, zieht die Aufmerksamkeit der Passanten an und hat – zusammen mit dem Artikel in der örtlichen Presse -  schon etliche Zeitzeugen und Nachfahren bewogen, mit der Initiative Kontakt aufzunehmen. Susanne Ackermann, die Leiterin des Kulturamtes, verdeutlicht: „Die Gedenkinitiative leistet die inhaltliche Arbeit. Wir sind da im Hintergrund und können unterstützen. Der DenkOrt funktioniert. Immer wieder bleiben Menschen stehen, die das interessiert.“ Bislang erstellte die Gedenkinitiative 20 Kurzbiografien für den DenkOrt, die in sechswöchigem Wechsel präsentiert werden. Inzwischen sind mehr als sechzig solcher Dokumentationen auf der Onlineplattform der Nürtinger Initiative „gedenken-nt.de“ abrufbar.

Mobiler „Wächter der Erinnerung“

Eines der am DenkOrt porträtierten Opfer, der junge Sinto Anton Köhler, steht heute als Holzfigur in Nürtingen. Der zwölfjährige Anton Köhler wurde im Mai 1944 aus dem Kinderheim in Mulfingen nach Auschwitz-Birkenau abgeholt und dort ermordet. Die Schnitzarbeit, die den ermordeten Jungen fiktiv im Alter von etwa 20 Jahren zeigt, ist die künstlerische Gabe des Bildhauers Robert Koenig. Als Sohn einer Zwangsarbeiterin hat der Künstler selbst Bezug zum Thema der Gedenkinitiative.
Seine Holzskulpturen gestalteten im Sommer 2015 als „Wächter der Erinnerung – Odyssey“ das Nürtinger Stadtbild mit. Während die „Odyssey“-Ausstellung von Robert Koenig, darunter auch eine Ausfertigung der Holzskulptur von Anton Köhler, in die nächste Stadt - dieses Jahr Speyer - weiter wanderte, blieb eine Holzfigur Anton Köhler in Nürtingen. Aktuell wandert sie als "Wächter der Erinnerung" an alle Nürtinger NS-Opfer jährlich an eine andere Schule, um dort in die Unterrichtsgestaltung einbezogen zu werden.

Weitere Aktivitäten der Gedenkinitiative

Erinnerungen lebendig zu halten und den Bezug zur Geschichte nicht zu verlieren - diesem Anliegen kommt die Initiative durch eigene, für jedermann offene Veranstaltungen, aber auch durch Vorträge an Schulen nach. Nachfahren der Opfer, die in der Gruppe mitarbeiten, diskutieren mit Zuhörern und Schülern und beantworten Fragen.
Ein wesentlicher Bestandteil der Vermittlung der lokalen Widerstands- und Verfolgungsgeschichte ist die kontinuierliche Arbeit an der Homepage der Initiative, die zurzeit überarbeitet und neu aufgebaut wird. Hier kann jeder Interessierte, besonders auch Lehrer und Schüler, Anregungen zur Beschäftigung mit der Geschichte der Zeit des Nationalsozialismus finden. Jakob Fuchs, Mitglied der Gedenkinitiative, nennt hierzu als Beispiel einen Bekannten, „der im Internet Informationen zu Nürtinger NS-Opfern gesucht hatte. Er hat dazu nichts gefunden, und von daher darauf geschlossen, dass hier die Welt in Ordnung war. Diese digitale Öffentlichkeit gibt es nun.“ Die Initiative führt Gespräche mit Zeitzeugen oder mit Menschen, die die Erzählung von Zeitzeugen noch im Ohr haben. Eine weitere wesentliche Grundlage ihrer Erkenntnisse ist die Suche und Forschung in Archiven. Jakob Fuchs: „Wir haben es anders gemacht als andere Gemeinden. Wir überlegen auch: Wie machen wir den Generationswechsel? Wie kommen wir in die modernen Möglichkeiten und Anforderungen? Dies wurde als vorbildlich sehr positiv gewürdigt von der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Gedenkinitiativen und von der Landeszentrale für politische Bildung, so dass wir Gelder aus dem Landeshaushalt für eine neue Internet-Plattform mit mehr Möglichkeiten erhalten.

Aktuelle Veranstaltung

Das fünfjährige Bestehen der Initiative ist der Anlass, des Nürtinger Bürgers Werner Gross zu gedenken, dessen Lebenslauf durch die Nazis zerstört wurde, weil er sich für die kommunistische Partei engagierte. Auch bei dieser Überlegung, dem fünfjährigen Jubiläum eine exemplarische Prägung zu verleihen, spürt man den Ansatz der Initiative, das oft Unfassbare an Beispielen fassbar zu machen. Sieben Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt, hatte Werner Gross den Todesmarsch von Dachau überlebt und dokumentiert. Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes kämpfte er für die Thematisierung des Geschehenen und für Anerkennung der Verfolgten und Opfer dieses Regimes. Doch er musste bereits in den 40er Jahren hören, das sei doch schon so lange her, man wolle dies nicht mehr hören, damit müsse doch endlich mal Schluss sein, KZ-Literatur sei nicht mehr gefragt. Gerade wieder um eine neue Lebensplanung bemüht, kam er 1950 bei einem Unfall ums Leben, bei dem ihn ein Auto nachts "über den Haufen fuhr". Ob Absicht oder Unfall mit Todesfolge, unterlassener Hilfeleistung und Fahrerflucht? Dies wurde nie geklärt.

Am 20. September soll Werner Gross in besonderer Weise gewürdigt werden. Zunächst wird um 19 Uhr sein Kurzporträt mit einem kleinen Festakt am DenkOrt der Öffentlichkeit präsentiert. Dazu stimmen Elisabeth Brose und Werner Dürr aus der Gruppe "Kleztett" ein. Anschließend gibt es in der Glashalle des Rathauses einen Vortrag. In Zusammenarbeit mit der VHS gelang es der Initiative, den Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Joachim Schlör für diesen Vortrag zu gewinnen. Joachim Schlör hat in Tübingen studiert und über Werner Gross seine Magisterarbeit geschrieben. Zu diesem Vortrag kommt Joachim Schlör eigens aus Southampton, wo er an der dortigen Universität das "Parker Institut for Jewish/Non Jewish Relations" leitet. In seinem für diesen Abend angekündigten Vortrag „Selbstkritik, Bescheidung, Weltoffenheit - Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus als Thema der Kulturwissenschaften“ wird er auch auf Werner Gross zu sprechen kommen. Nach dem Vortrag gibt es Gelegenheit, die bisher am DenkOrt ausgestellten Erinnerungstafeln der Gedenkinitiative anzusehen.
Die Veranstaltung in der Glasshalle kostet als VHS-Vortrag vier Euro an der Abendkasse.


 


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